The Never Ending Interview – 3. Dr. Andy Fluck

Interview_3_AF_1Am 14. Januar 06 war ich endlich auf dem Weg nach Karlsruhe, leicht verzögert durch persönliche und terminliche Schwierigkeiten und schon leise von der BAG-Info-Redaktion angemahnt. Als der von Peter Bergschmidt interviewte hatte ich Andy Fluck ausgewählt, als einen Mann der mittleren Generation in der Pfeiferwelt, stark integriert in der Szene, eben auf der Höhe der Zeit. Andy hat meiner Bitte um ein Interview im letzten Jahr in Schotten gerne stattgegeben.

Ich kenne Andy seit den späten achtziger Jahren, als die damals noch unter Munich City Pipe Band firmierende Truppe regelmäßig in Karlsruhe zum Trachtenfest eingeladen war. In seinem schmucken Haus im ehemaligen Amerikanerviertel von Karlsruhe angekommen, entwickelte sich bei einer sehr guten Tasse Kaffe gleich ein intensives Gespräch. Schnell stellte man fest, dass der Stoff unendlich ist. Interview führen ist ja nun nicht meine tägliche Arbeit und mir wurde klar, welch aufwändige und gute Arbeit meine Vorgänger Martin Kessler und Peter Bergschmidt geleistet haben. Mir war es wichtig, nach den vergangenen Interviews eher in der Gegenwart zu bleiben und die Jugend unserer Szene nicht zu sehr mit den alten Geschichten zu konfrontieren.

So wollen wir es denn angehen.

Andy, wo stehst Du zur Zeit als Pfeifer?
Ich bin derzeit P/M der Stuttgart University Pipe Band (SUPB), die sich aus den Vorläufern SUPB und Badelonian Pipe Band, Karlsruhe, zusammensetzt. Dabei werde ich so hervorragend von unserem Pipe Sergeant Stefan Schmidt unterstützt, dass ich mich voll darauf konzentrieren kann, meine musikalischen Vorstellungen in der Band umzusetzen.

Als Band-Competitor, BAG Open Pipe Band Competition in Schotten.


Welchen Stellenwert haben Competitions für Dich?
Competitions dienen der Niveausteigerung und bieten die Möglichkeit, den Trainingserfolg bewerten zu lassen. In Deutschland sehe ich dabei die Gefahr, der Illusion zu erliegen, das Erreichen einer lokalen Qualitätsstufe wäre schon mit einem absoluten Niveau gleichzusetzen. Oder anders gesagt: In Schottland weht noch mal ein ganz anderer Wind.

 

Kann man die Musik bei uns in Reinform erreichen?

Als Moderator und Organisator. BAG Competition in Karlsruhe.

Das ist die Frage des Maßstabs, den man anlegt. Ein Bierzelt voller Seliger gibt einem schnell den Eindruck von Göttlichkeit. Aber wie gesagt: In Schottland weht ein ganz anderer Wind. Auch unsere besten Bands würden von fast jeder schottischen Schulband in Grund und Boden gespielt werden. Deshalb bin ich auch ein leidenschaftlicher Gegner eines deutschen Grading-Systems. Dies würde nur zu weiterer Verblendung der Art: „Hey, wir sind upgegradet worden, also sind wir gut“ führen. Bei einer Major Competition würde das immer noch nicht viel mehr bedeuten als:. „früher waren wir im letzten Drittel, jetzt sind wir im Mittelfeld“. Es gibt ein Grading-System und das sollte für alle gleich sein, damit man eben den gleichen Maßstab an alle anlegt.

Was hatte das Konzert in Frankfurt für einen Einfluß?

Es hat auch Nicht-Insidern die Möglichkeit gegeben, festzustellen, dass es sich bei den Pipes um ein vollwertiges und ernst zu nehmendes Musikinstrument handelt. Natürlich leidet der Ruf der Pipes etwas am Straßenmusiker-Image. Ebenso wie Blockflöten am Weihnachtsbaum-Image leiden. Nur wenige Menschen haben bisher mal ein gutes Blockflötenkonzert gehört. Und nur wenige Menschen haben bisher ein gutes Pipe-Konzert gehört. Diese Möglichkeit haben die Clan Pipers ihnen gegeben.

Wie wichtig und authentisch siehst Du den Trachtenhintergrund?
Ich bin mir darüber im Klaren, dass es sich nicht um unsere eigene Kultur handelt. Vielmehr bewegen wir uns zwischen einer kopierten und einer nachempfundenen Kultur. Die Kopie ist zwangsweise immer schlechter als das Original. Beim Nachempfinden wird man sich dessen bewusst, dass diese Kultur eben nicht nur aus Dudelsackmusik, sondern auch aus deren gesamten Kontext besteht. Die Tracht spielt hier eine wichtige Rolle.
Große Ähnlichkeiten sehe ich übrigens zwischen der (unterstellten) schottischen und der deutschen Mentalität, insbesondere im Hinblick auf Disziplin und Selbstdisziplin. Letzteres scheint mir leider immer stärker verloren zu gehen.

Trophäenträger I. BAG Competition in Karlsruhe.


Du schreibst die Editorials im BAG-Info. Wie kam es dazu?

Ich bin schon lange ein Hintergrund-Täter in der BAG. D. h. dass ich, wo ich konnte, deren Arbeit unterstützt habe, so wie ich immer den Eindruck hatte von ihr unterstützt zu werden. Dazu braucht es keinen Titel oder Vorstandsposten. Die Idee, ein Editorial ins Info aufzunehmen, stammte von Klaus Linhart, der Vorstand bat mich, es zu tun und jetzt schreibe ich.

Woher nimmst Du die Themen dafür?

Ich versuche natürlich immer, auf aktuelle Vorgänge einzugehen. Ansonsten handelt es sich dabei um meine persönlichen Gedanken zu diesen Themen. Die will ich mehr als Diskussionsanstoß denn als Wahrheit verstanden wissen. Meistens beziehe ich darin auch nicht eindeutig Position, sondern versuche eine Fragestellung von verschiedenen Seiten zu beleuchten.

Wie siehst Du Breuberg?
Ich denke, es ist die beste und inspirierendste Möglichkeit, in Deutschland Pipes zu lernen. Problematisch ist, dass für einen Teil der Schüler der gesellschaftliche Anlaß Breuberg wichtiger zu sein scheint als der musikalische Anlaß Breuberg. Auf der anderen Seite ist es natürlich schön zu sehen, wie eine Veranstaltung, die Peter Brinckmann mal mit sieben Schülern begonnen hatte, zu heutigen Dimensionen angewachsen ist. Auch der Umstand, dass die unteren Kursstufen mittlerweile von Lehrern aus den eigenen Reihen mit Erfolg unterrichtet werden, zeigt, wie viel sich in der Zwischenzeit getan hat.

Inzwischen kommt ein köstliches Abendessen auf den Tisch.
Unterdessen fällt mir immer wieder auf, dass Andy mit seinem Jüngsten ständig fließend italienisch spricht. Der kleine antwortet zwar beharrlich auf deutsch, aber genau auf die Fragen, die Andy stellt, wie er mir versichert. Das führt mich zur nächsten Frage:

Trophäenträger II. Arthur Gillies Memorial in Weikersheim.


Woher kommst Du?
Geboren bin ich 1965 in Italien, da meine Mutter, selbst Italienerin, ihr erstes Kind unbedingt in ihrem Heimatort zur Welt bringen wollte. Ich würde mich als deutschen Europäer bezeichnen. Aufgewachsen bin ich in Karlsruhe mit kurzen Aufenthaltsperioden in Italien.

Wann und wie bist Du zu der Musik gekommen?
Angefangen hat es mit Kinderliedern und Blockflöte. Danach wollte ich Klavier und musste Geige spielen, was für alle Beteiligten eher unerfreulich war. Nach vier Jahren Geige begann ich mit der Gitarre als Autodidakt. Gesungen habe ich immer, zur Gitarre, im Schulchor, zwei Jahre in einer Funk-Band, später in einem Kantatenchor. Schon mit 15 Jahren erzählte ich jedem, der es hören wollte oder auch nicht, dass ich mal Dudelsack spielen werde, was ich dann mit 21 Jahren nach einer Begegnung mit der Badelonian Pipe Band in Karlsruhe auch tat.
Woher ich die Idee hatte, weiß ich nicht so genau. Jedenfalls hatte ich auf dem Rückweg von der Schule, die acht Kilometer von meinem Wohnort entfernt lag, gerade im Spätsommer immer das Bild vor Augen, wie toll es doch wäre, wenn da einer im Feld stünde und Dudelsack spielen würde. Als ich das Instrument dann endlich aus 1 m Entfernung live hörte, war mir klar: das ist genau das, was ich schon immer spielen wollte.
Zwei Monate nach dieser Begegnung bekam ich meine erste Pfeife, vier Monate später war ich zum ersten Mal auf einer BAG Sommerschule, damals noch in Rüsselsheim, sechs Monate später habe ich die Leitung der Band übernommen.

Andys Markenzeichen in der damaligen Zeit war ein langer dünner Haarzopf. Darauf angesprochen zieht er das im Endstadium immerhin 57 cm lange Stück aus einem Döschen heraus. Den Mandarin-Fingernagel, an dem man ihn damals auch erkennen konnte, hat er allerdings nicht aufbewahrt.

 

Piobaireachd Competition in Weikersheim.

Wieviele Trophies wohl schon durch seine Hände gegangen sind?

Wohin gehst Du?
Ein Freund von mir hat es mal so formuliert: “Eigentlich ist es eine Schande, dass unsereins nach all den Jahren immer noch realistische Chancen auf eine Platzierung bei der BAG-Competition hat.“ Solange ich kann, werde ich diese Chance auch zu nutzen versuchen, aber ich hoffe, dass die Zeit der heutigen Potenzialträger bald anbrechen wird. Ich habe da eine junge Frau aus Norddeutschland, sowie zwei junge Männer aus Baden bzw. Württemberg im Kopf, und ich kenne ja nur wenige persönlich. Bis dahin werde ich jedem, der daran interessiert ist, die Erfahrungen, die ich gemacht habe, als Unterstützung weitergeben. In meiner Band kann und will ich noch lange unterstützend tätig sein. Ich wünsche mir aber, dass irgendwann jemand – den ich nach Möglichkeit sogar selbst herangezogen habe – berechtigterweise Anspruch auf meine Position erhebt. Dann werde ich mich auf eine entspannte Bandspieler-Position zurückziehen. Da muß man nur seine Stücke geübt und seine Pipe in Schuß gehalten haben, dann ist es gut.

Der promovierte Chemiker Dr. Andy Fluck lebt mit seiner Frau Ute, ebenfalls promovierte Chemikerin, und seinen beiden Söhnen Calvin und Claudius in Karlsruhe.

Andy, ich danke Dir für das Interview.

Stuttgart University Pipe Band – und wo isser?

 

 

 

 

 

(veröffentlich in der BAG-Info Januar 2006)

The Never Ending Interview – 2. Mike Dahlmanns

Mike, Deine Zusage zu diesem Interview hier ist für mich schon eine große Freude. Dass Du Anja und mich hier im neuen Heim in Frankfurt am Anfang von 2005 besuchst, ehrt uns beide sehr. Anja hat von mir schon einige interessante Dinge über Dich gehört. Sag´ bitte einiges über Dein Leben!

Ich bin 1944 in Mönchengla

Vorne Mike. Hinter ihm der Verfasser. Games Anzing.

dbach geboren. Dort habe ich Konditor gelernt zwischen 1958 und 1961.

Mönchengladbach habe ich 1966 verlassen, um bis ich bis 1970, auch beruflich, in der Schweiz. Seit 1970 lebe ich nun in München. Hier habe ich 1972 meinen Konditormeister gemacht und als Konditormeister bis heute auch hier gearbeitet.

In Deinem Beruf ein Hobby betreiben war wohl nie ganz einfach. Geschweige denn eine Band zu gründen und dann auch noch mithelfen zu leiten (die Munich City Pipes and Drums)!
Natürlich waren es in erster Linie die Arbeitszeiten, welche die Sache erschwerten. Dazu kam noch eine relativ große Bandbreite meiner anderen Freizeitaktivitäten für viele Jahre meines Lebens.Deine Energie habe ich schon immer bewundert. Wenn auch nicht viele das auf sich nehmen können oder wollen, für das, was Du geleistet hast, muß man Dir großen Respekt zollen. Es war und ist noch ein wichtiger Beitrag für die sozialen Dinge, die wir alle dringend brauchen.
In München hast Du Deine Familie gegründet?
Ja, ich habe geheiratet. Zwei Jungs sind geboren. Später ist meine Frau nach langer Krankheit gestorben.Das war ein harter Schlag. Ich habe damals von diesem traurigen Schicksal gehört. Zum Hauptgrund dieses Interviews nun. Piping! Wann war Dein Anfang auf den Pipes?
Der war 1976. Aber ich muß etwas ausholen in dieser Sache: Fasziniert war ich schon als Junge von den Pipes and Drums. Es war in den 50er Jahren, als ich im Borussen Stadion in Mönchengladbach auf einem Natomusikfestival eine Pipeband sah und hörte. Später, 1974, hat ein alter Kumpel von mir mir eine Pakistani Pipe geliehen.

Aber mit diesem Ding klappte es nicht so richtig?
Genau! Aber aufgegeben habe ich mein Ziel, Pipes zu lernen, nicht. 1976 fand ich in München ein Übungsbuch für die Pipes. Mit diesem Tutor in der Hand ging ich über den Marienplatz und lief geradewegs dem Gerrit Raith in die Arme, der dort Pipes spielte.

Den Gerrit habe ich selbst kennengelernt. War er ab dann Dein Lehrer?
Ja, Gerrit gab mir und vier anderen Unterricht. Unsere Gruppe gründete dann die „Munich Civilian Pipe Band“. Der Gerrit ist heute (2005) 55 Jahre. Sein Piping fing in Irland an. Er war dort 1969 mit dem Motorrad und blieb ½ Jahr. Kaufte bei Waltons in Dublin einen Set und bekam bei John Lacey (der schenkte ihm später seine Pipes) Pipe Lessons. Zwischen 1969 und 1979 ist Gerrit immer wieder nach Irland gefahren. Gerrit ist handwerklich begabt. Er hat damals für unsere Gruppe Practice Chanters gebaut. Das Holz war aus alten Werkzeugkisten. Die „Blowtops“ waren pakistanimade. Kostengünstig und ausreichend für unseren Bedarf und relativ rasch zu bekommen und besser als die Paki-practice chanters.

Abgesehen von den Pakistanipipes oben erwähnt, wann hast Du Pipes made in Scotland bekommen?
Meinen ersten Set kaufte ich während eines Urlaubs 1977 in Schottland bei George Kilgour in Edinburgh. Zwischen dem Kilgour Set und dem Paki Set lagen Welten. Leider werden hier immer noch schlechte Instrumente (die Pakistanis können natürlich auch bessere bauen) aus Pakistan an Laien verkauft.

Mike, Du und ich, wir haben uns vor Urzeiten in München zum erstenmal getroffen. Wir, die Clan Pipers, spielten auf einem Job für die IGA, die Internationale Gartenausstellung im Jahr 1983.
Unser erster Treff war in Eurem Quartier zum Einspielen, im Lochhamer Pfarrheim. Die Frau des dortigen Pfarrers war Schottin. Der Pfarrer ging 2003 in Rente. Durch seine Frau haben die „Munich Caledonians“ eine schottische Tanzgruppe, jedes Jahr in dem Pfarrheim ein „Candlelight Service“ gemacht. Für die habe ich dabei auf den Pipes gespielt. Wir beide haben uns später dann immer wieder auf etlichen Veranstaltungen getroffen.

Wochenendkurs bei den Clan Pipers (1986) in Frankfurt. Die Lehrer: Wilson Young (D), Bob McCroskie (P), Jack Chrichton (P) und Bob Shepherd (P). Mike ist der dritte von links. Gerrit der vierte hinter ihm. Dieter steht genau vor der Bass Drum.

Bevor Du mit den Pipes angefangen hast, hast Du da schon andere Musik gemacht?
In Mönchengladbach war ich in einer Skiffle-Gruppe. Dort spielte ich Waschbrett, lernte bei einem Trompeter vom Stadttheater Trompete und spielte die auch in unserer Gruppe. Wir nannten uns dann Monks Town Jazz Society. Fünf Mann: 2 Trompeten, 1 Klarinette, 1 Banjo und von Zeit zu Zeit ein Baß. Nix großartiges, aber mit viel Enthusiasmus. Neben andere Auftritten spielten wir auch einmal auf einem Rheindampfer. Nach meiner Lehre (1961) ging jeder seiner Wege und ich in den Gladbach Rheydter Reiterverein, in dem ich dann einen Jagdhornbläserchor gründete. Diese Aktivität betrieb ich noch bis ca. 1984 in München. Einer meiner Gags war, das Horn im vollem Galopp zu blasen. Einmal mußte ein Zahn dran glauben: bei der Erdinger 750-Jahrfeier hat mein Pferd gescheut als ich grade den Schwedenrückzug einblies. Parallel dazu spielte ich schon Pipes. Damit habe ich nach den Reitstunden die Leute genervt und mehr noch die Pferde.

Nun frage ich Dich aus über Deine sportliche Seite. Etwas hast Du oben darüber schon erwähnt. Sport berührte ja auch stark die schottischen Ereignisse, welche Du gefördert hast.
Schulsport = 0. Aber in der Lehre traf ich einen guten Kollegen. Durch ihn habe ich Leichtathletik gemacht und bin gelaufen ohne Ende. Ein Fahrrad von der mir vorgestellten Güte konnte ich mir damals nicht leisten. 1961 habe ich das Reiten begonnen und machte das 25 Jahre. 15 Jahre davon war ich Reitlehrer und gab Kurse im Basisbereich. Seit 1978 bin ich mit dem Rennrad gefahren und habe 1982 den bayrischen Vierkampf bestritten. Das heißt, 100 km Radfahren, 30 km Langlauf, 10 km Laufen und 1,5 km Schwimmen. Das Langlaufen war extra im Winter. Mann war ich gut!

Links Mike

Links Mike

Das kann man wohl sagen Mike. Aber wann wurde der Sport schottisch?
Anfang der 80er Jahre begann ich mit den Disziplinien Tossing the Caber, Putting the Stone und Weight over the Bar. Damit habe ich schöne Erfolge auf den Games gehabt.

Natürlich hält der Sport einen vom Piping ab. Du hast ihn aber trotzdem betrieben neben der Musik und das ist schon eine große Leistung, denn wer macht schon beides, zum Beispiel auf den Games. Zweimal habe ich Games von Euch besucht. Das erste Mal 1985 mit einigen anderen Clan Pipers und das zweite Mal alleine. Meine Erinnerung darüber liegt etwas im Nebel. Ich glaube es gab dort auch Alkohol. Eines habe ich aber behalten. Es war dort wunderschön und Eure Gastfreundschaft war großartig. Betreibst Du immer noch Sport?
1995 mußte ich mich einen Schulteroperation unterziehen – die Schleimbeutel hatten mit dem Baumstammwerfen den Geist aufgegeben. 1999 dann ein schwerer Radsturz mit zerlegter Schulter again und damit auch das Ende mit dem Kraftsport. Bis auf ein wenig Gewichteln mache ich nach meiner Herz-OP im Jahr 2004 nur noch Radfahren – ja und die Pipes und das hoffe ich, noch lange.

 Wieviele Holzchanters hat Mike wohl mit seinen Fingern zerquetscht nach so einem Sport?  Wieviele Holzchanters hat Mike wohl mit seinen Fingern zerquetscht nach so einem Sport?
Wieviele Holzchanters hat Mike wohl mit seinen Fingern zerquetscht nach so einem Sport?

Das hoffen wir alle für Dich. Jetzt bitte einiges mehr über den Werdegang „Deiner“ Band.
Von der Munich Civilian Pipe Band habe ich mich mit einigen Leuten 1986 gelöst. Unter der Leitung von Dieter Mangels bildeten wir die „Munich City Pipe Band“. Später kamen Leute aus Augsburg dazu. Unter anderem auch Andy Hildenbrand. 1989 war es nötig, einen anderen Bandnamen zu finden: „Claymore Pipes and Drums“. Mit dem Andy begann eine neue Phase in der Band. Die Musik wurde sehr ernst genommen. Der Andy wurde dann PM und ist es noch heute. Er und Stefan Rau an der Seite als PS bilden ein gutes musical Leader Team. Dieter Mangels aber (ein netter ruhiger Mann), auch ein Pfeifer der ersten Stunde, unterstützt heute noch die Claymore P + D.

Links Mike, rechts Dieter Mangels.

Links Mike, rechts Dieter Mangels.

Nenne mir hier einige Unternehmungen und Ereignisse, welche Du und Deine Band erlebt haben.
Wir organisierten schon Ende der 70er Jahre Games. Weitere fanden von 1983 bis 1985 in einem Finsinger Privatgarten statt, und von 1986 bis 1988 auf dem Bolzplatz in Anzing. Ihr, die Clan Pipers und die Hamburger, habt uns dort besucht. Nach Hamburg sind wir dann auch auf die Games und den Contest gefahren. 1986 nahmen einige von uns an einem Wochenendkurs für P + D bei Euch in Frankfurt teil; und wie erwähnt besuchen Leute von uns Breubergkurse. An Contests nahmen wir zum erstenmal 1995 in Peine teil. Dann 1999 in Walwijk (NL). Machern wird von uns besucht und wir waren auch wieder in Peine 2004 und 2005. Alle Contests in Schotten haben wir ebenso mitgemacht. Mit einigen Leuten von uns war ich auf dem großen Schützenfestumzug in Hannover, zusammen mit anderen Vertretern verschiedener deutscher Pipe Bands. Meine Band hat auch die P + D in Karlsruhe und Stuttgart besucht für Kontakte und Erfahrungsaustausch. Natürlich spielen wir auch auf diversen Jobs vom Solisten bis zur Bandstärke.

2. v. l. Mike und 3. v. l. Andy Hildenbrand.

2. v. l. Mike und 3. v. l. Andy Hildenbrand.

Alleine hatte ich in Schottland mein erstes Erlebnis mit Martin Keßler. Es war in den 80ern auf den Worlds im Bella Houston Park in Glasgow. Am Verkaufsstand vom Piob Mhor (Mr. Ruthven Milne) stand ein Junge neben mir und wollte eine Pipe kaufen. Diesen jungen Mann habe ich dabei beraten. Daß er sich dann zum besten Pfeifer hier im Lande und erfolgreichen Solocontestspieler in Schottland entwickelte, ist eine tolle Sache. Natürlich haben Martin und ich auch heute freundschaftliche Kontakte. Im Jahr 2002 war ich auch in Schottland. Dort habe ich auf Staffa (Hebriden) in der „Fingals Cave“ gespielt. Für andere wohl nichts Besonderes, aber mich berührte diese Situation sehr stark.

Wie sind Deine Kontakte zur BAG? Du weißt, nur die BAG darf dieses Interview in ihrer Zeitschrift veröffentlichen. Ich habe schon mit Karola Brinckmann darüber gesprochen. Meine Wahl, Dich zu interviewen, findet sie gut.
Meine Beziehung zur BAG wurde leider durch frühe negative Erfahrung mit Peter Brinckmann getrübt. Dagegen hatte ich viele gute Erfahrungen mit Euch Clan Pipers, den Karlsruhern und anderen gemacht. Ihr habt uns unterstützt und z.B. unsere Feste mit Eurer Anwesenheit bereichert. Das wären aber jetzt die unendlichen Geschichten. Meine (unsere) Begegnungen mit Dir und Deinem Umfeld waren nachhaltig (siehe heute).

Vielen Dank für dieses schöne Kompliment. Es war und ist ja immer mit allen Bekannten ein Geben und Nehmen.
Klar, und ungetrübt durch erste Begegnungen mit dem Peter Brinckmann habe ich trotzdem unseren Nachwuchs nach Breuberg geschickt. Die Sache, die dort aufgebaut wurde sucht Vergleichbares. Meinen Frieden mit Peter Brinckmann habe ich vor 3 Jahren gemacht. Hier in München haben wir die KO-Kompetitions ausgerichtet und der Peter hat toll gespielt. Er war ein großer Musiker und soll auf einer Wolke sitzen und für uns alle die Pipes spielen.

Das wird er, und er wird sich auch freuen, daß das, was er aufgebaut hat Früchte trägt.

In dem ich mit Dir von Dir berichte, beleuchte ich eine Situation von einem Piper und Haudegen der ersten Stunde in diesem Lande. Eine Situation, die sich heutige P + D kaum vorstellen können. Früher standen Leute wie Du natürlich vor größeren Schwierigkeiten. Damals gab es eben nicht an jeder Straßenecke eine Band und spielte. Die Zahl der P + D stieg mächtig an. Aber damals! Wie schwer war es damals, genügend Leute zu bekommen. Besonders Trommler waren immer sehr gefragt.
Ich erinnere mich jetzt, als ich in Schottland im Urlaub extra einen Dachgepäckträger gekauft habe, und für Eure ersten Snaredrum-Spielerinnen Ati und Renate ihre Snares von Glasgow nach Frankfurt gefahren habe. (Von hier ging es mit Bahn weiter nach München). Mit den beiden hatte ich 1985 einen Sommerkurs der RSPBA in Glasgow besucht.

Mike

Mike


In einem Brief an mich hast Du Martin Keßler erwähnt und, dessen „schöne menschliche Anschauung“, daß die „alten Kämpen“ nicht vergessen sein sollen. Die „alten Kämpen“, und Du bist ein großer davon, werden mit Sicherheit nicht vergessen sein. Dinge mit gewissem Abstand zu betrachten, wenn die alten Finger nicht besser werden, heißt doch, einen größeren Überblick auf das Wesentliche zu bekommen. Du selbst sorgst ja auch dafür, daß alte Kontakte nicht abbrechen. Die Karte und die 30-Jahre alte Maltwhiskyflasche von Dir und Deiner Band an unsere Band (die Clan Pipers) anläßlich unserer 30-Jahrfeier in Neu Isenburg bei Frankfurt am 13. November 2004, zeigten dies auch.

Übrigens hat der Malt uns hervorragend geschmeckt, und hier ein Danke nochmals von den Clan Pipers dafür. Ein Danke auch von mir dafür, daß ich dieses Interview mit Dir machen durfte. Leider sind meine schriftstellerischen Fähigkeiten sehr begrenzt. Doch ich hoffe daß das, was ich über Dich ausdrücken wollte, verstanden wird. Ich wünsche Dir Gesundheit und Freude mit der Musik bei den Claymore P+D. Euch allen auch Erfolg für die Zukunft. Willst Du noch´n Tee?

Nach unserem letzten Treff auf dem P.B.-Contest in Schotten am 18.06.05, bekam ich von Mike noch einen Brief. Hier als Schluß des Interviews ein Auszug daraus:
[…] Was soll ich da noch d’rauf packen (auf das Interview) – soviel ist sicher – wenn man da irgendwann so eine Sache anpackt (eine Band zu betreiben) denkt man nicht daran, daß man das ’mal in 30 Jahren zu dokumentieren hat – du denkst auch nicht daran, daß du das mal von der jetzigen Warte betrachten sollst. Du willst das einfach, machst, packst es an, und wenn du Glück hast, dann triffst’e die richtigen Leute – so wie Dich und wenn es dein Naturell zulässt, dann läßt man auch nichts aus – und es gedeiht. Wenn ich heute sowas wie am Samstag erlebe (Contest Schotten 18.06.05), dann denke ich – siehst’e, da hab ich auch d’ran mitgearbeitet. Und das ist schön – längst ist ja alles zum Selbstläufer geworden – aber wir haben angeschoben. Heute machen andere Leute viel und die einzelnen Zellen reifen und wachsen – auch Dank Breuberg – man muß jetzt ganz schön kämpfen, um einen Blumentopf zu gewinnen – aber wir haben ja Nachwuchs und es macht mir auch Freude, dem ein bißchen in die Schuhe zu helfen. […]

Claymore Pipes + Drums 2002. Mike 6. v l.

Claymore Pipes + Drums 2002. Mike 6. v l.

 

(veröffentlicht in der BAG Info Dezember 2005)

The Never Ending Interview – 1. Peter Bergschmidt

Microsoft Word - InterviewExtended.docMartin Keßler befragt Peter Bergschmidt

Peter Bergschmidt gehört in der heutigen Dudelsackszene zu den weniger präsenten Größen. In einer eigenen Weise ist dies für ihn bezeichnend. Denn zu seiner Größe gehört Bescheidenheit. Peters Leistung verdankt sich einem unerschöpflichen Interesse, einem beispiellosen Engagement und außerordentlichen Eigeninitiativen -Motivationen, die weder auf Aufmerksamkeit und Anerkennung noch äußere Bestätigung ausgerichtet oder angewiesen sind. Der Respekt, der Peter gebührt, ist um so größer. Sein Wissen ist immens, seine praktischen Fähigkeiten und handwerklichen Talente gelten Instrument und Outfit gleichermaßen. Vor Jahren schon leise aus der ersten Reihe der Clan Pipers zurückgetreten, verdankt sich die Band doch insgesamt seiner Begeisterungsfähigkeit und seinem Aktivismus, seinen autodidaktischen Anfängen, seinen Besuchen in Schottland, seinen Kontakten.

Peter selbst würde es fernliegen, auf die Gründung der Clan Pipers Anspruch zu erheben oder die eigene Leistung herauszustreichen. Auch deswegen schätze und respektiere ich ihn wie keinen anderen. Eine Interview-Serie in Deutschland kann nur mit ihm beginnen, und ich freue mich sehr, daß sich Peter zu dem Gespräch, verbunden mit der Auflage, ein weiteres Interview zu führen, bereit erklärt hat. Ein erstes Treffen Mitte Januar 2004 geht in die Hose. Am Tag nach dem Knock Out-Halbfinale in Neu-Ulm besuche ich Peter zusammen mit meiner Freundin, die vor Jahren selbst von ihm unterrichtet wurde, in Sachsenhausen. Der mächtige Altbau erinnert an den Reichtum der Frankfurter Bürgerschaft und das Kaiserreich der Jahrhundertwende. Eingeschüchtert von der Größe des Mietshauses studiere ich das Klingelschild und entdecke einige Reihen unter dem Namen „Peter Bergschmidt“ auch eine Wohnung „Karsten Bergschmidt“. Mit dem Betreten der obersten Etage des alten Mietshauses atmet man eine andere Luft. Wir befinden uns in einer hellen, jugendlich anmutenden Wohnung. Am Küchentisch, auf dem eine alte Hardie-Pfeife in Einzelstücken liegt, nehmen wir Platz. Neben dem Herd steht eine Werkbank mit frisch geschnittenen Dronereeds. Auf dem weißen Email des Gasherdes zeichnen sich Rückstände von dunkelrotem Siegelwachs ab. Ich stelle mein Aufnahmegerät ein – und später wieder aus. Das Interview ordne ich dem Gespräch nach. Für das Gespräch und den Nachmittag bin ich auf dem Rückweg dankbarer als für die Bereitschaft zum Interview. Während der nächsten Monate tritt das Interview mehr und mehr in den Hintergrund, während sich das Gespräch fortsetzt. Am 14. November, nach dem Jubiläums-Konzert der Clan Pipers in Neu-Isenburg, besuche ich Peter, der in der Zwischenzeit umgezogen ist, in seinem neuen Heim „auf der anderen Seite der Brücke“. Wieder sitzen wir in einer hellen Wohnung, wieder schenkt mir Peter Tee ein. Noch fehlen die Wachsspuren auf dem Herd. Nervös eröffne ich meinen diesmal detailliert vorbereiteten Fragekatalog.

Peter, wie kamst Du zum Dudelsack – how did it all start?
Musik war eigentlich immer schon in der Familie. Gerade meine Mutter war sehr musikalisch. Sie hatte einen guten Lehrer, das war ein interessanter Mann und sehr weltoffen. Der brachte ihr Lieder wie: „In Dublin’s Fair City“ und „The Brown Haired Maiden“. So bin ich als kleines Kind schon mit diesen Stücken aufgewachsen. Was für Zeiten das waren! Während dem Krieg bin ich mit Stücken wie „Brown Haired Maiden“ großgeworden. Später wurde das für mich eine Schlüsselmelodie.

Gab es in Deiner Familie Beziehungen nach Großbritannien?
Nur auf einer mystisch-persönlichen Ebene. Meine Mutter kannte während dem Krieg eine alte Schottin, die wurde Granny genannt, wohnte bei uns in der Gegend. Die hat mir einen silbernen Becher geschenkt, den habe ich noch. Das ist aber alles, was ich noch weiß. An die Frau selbst habe ich keine Erinnerungen mehr.

Wann hast Du angefangen, Musik zu machen – und was war Dein erstes Instrument?
Mundharmonika war mein Instrument. Der Hang, irgendwas selbst zu produzieren, war da. Wir hatten zuerst überhaupt gar nichts. Kein Plattenspieler, kein Radio, kein Fernseher war da. Deswegen haben wir damals alle gesucht, wie wir Musik selbst machen können. Für mich war nach der Mundharmonika schnell klar, daß ich ein Zweitinstrument will. Aber welches? Klavier kam gar nicht in Frage. Mein Kriterium hieß: Mobilität. Mein Bruder hat Skiffle gemacht, hatte eine eigene Gruppe.

Der Karsten?
Jaha! Er war u.a. befreundet mit einer Gruppe aus Hamburg: „The Glory Skiffle Tramps“. Die Leutchen hatten wirklich Pep! Das waren zwar Hallodries, aber die waren gut! Die waren gut, bekannt auch, eine schlagkräftige Truppe!

Dann gab es sogar zwei Dudelsackspieler in der Skiffle-Szene der fünfziger Jahre! Dich – und meinen Lehrer Arthur! Sein Idol war Lonnie Donegon, der Junge aus Glasgow. In diesem Umfeld bist Du aber wohl kaum dem Dudelsack begegnet?
Ich habe jahrlange überlegt: was spielste. Banjo, Akkordeon, Klarinette? Jazz nicht. Das kam nicht in Frage. Skiffle war in Ordnung, das war deftig. Du mußt Dir das so vorstellen. Es gab keinen Ferneseher. Es gab Kino, Wochenschauen. Und immer wenn die Briten rummarschiert sind: Pipes & Drums. Auf Radio Luxemburg – das war ein interessanter Sender – hörte ich immer eine Sendung: „Scottish Request“. Ich mochte das Auf und Ab der Tanzmusik so sehr. Auch die Lieder! „Green Hills“, eine andere Schlüsselmelodie, hörte ich gesungen in dieser Sendung. Bei irgendeiner Europa-oder Weltmeisterschaft sind wieder Pipes and Drums aufmarschiert. Irgendein Idiot hat „Unter dem Schottenrock ist gar nichts“ kreiert. Und der erste Rob-Roy-Film lief in den Kinos.

Und mit diesen Berührungen war das Interesse geweckt?
Ja, ich habe gesucht und gesucht, zunächst nur nach Platten. Irgendwann habe ich dann auch eine gefunden. Von der Black Watch, eine kleine Scheibe. Und dann noch eine. Und dann irgendwie…

…bist Du auch zu einem Dudelsack selbst gekommen.
Auf der Suche nach dem Dudelsack habe ich wieder die Stadt durchkämmt, und nichts gefunden. Die Situation heute ist anders. Heute gibt es Hümmelchen, Böhmischen Bock, bis zum spanischen Dudelsack. Alles ist da. Damals kannte man eigentlich nur einen Dudelsack, den schottischen, und nach dem habe ich gesucht. Ich habe schließlich den englischen Konsul angerufen und mit dem einen Termin ausgemacht. Und dann war ich in seinem Büro: Dackel da, Angelrute dort. Schwerenglisch! Das hat er auch selber gesagt. Er hat gesagt: Ich habe keine Ahnung, ich bin Engländer! Der Konsul mußte mich kurz mit dem Dackel allein lassen – und das Mistvieh hat mich angekläfft! Immerhin wußte er von einer „Englischen Woche“ in Ingelheim, Kaiserpfalz am Rhein, und dort sollte auch ein schottischer Spieler sein. Es war eine irische Band. In Begleitung von einem Nachbarn bin ich hingefahren. Der hat auch später einen Dudelsack gekauft. Dort war auch wirklich ein Schotte in dem Kilt. Plötzlich, vor dem Ratshaus, stand die ganze irische Band. Die marschierten los – ganz toll! ¬und wir hinterher, wie die Gassenjungen. Irgendwann stoppen die dann. Es war Zeit genug, einen zu fragen, wo man so ein Ding herbekommt. Der zeigte oben auf seinen Chanter und da stand: Robertson, Edinburgh. Er sagt: „schreib als Adresse: ‚Pipe Maker Robertson, Edinburgh’, das kommt an!“ Und es kam an.

Du hast gleich bestellt?
Gleich bestellt. Ich war gelernter Betonbauer, noch in meinen beruflichen Anfängen, hatte aber schon ein bißchen Asche nebenher. Ich habe dann gleich so ein Ding gekauft. Ein volles Instrument, fully ivory mounted. Die Firma schrieb mir zwar, ich solle noch eine Übungspfeife dazu nehmen, aber ich dachte mir: die wollen nur Geschäft machen! Den College of Piping Tutor, Teil 1, habe ich aber genommen.

Du hast ohne Practice Chanter angefangen?
Es kam so an, wie ich es bestellt hatte. Nur der Dudelsack und der College of Piping Tutor, Teil 1. Dummerweise kam Buch 2 erst später raus. Aber ich habe schon begriffen, wo was rein soll. Und irgendwie hab ichs geschafft. Den Chanter habe ich zuerst ohne Sack geblasen und darauf auch gespielt. Muß’n Horror gewesen sein! Im nächsten Wald habe ich dann geübt. Ich war bekannt wie ein bunter Hund. Ich habe dort immer geübt, auch bei Nieselregen und auch im Winter. Einmal sind mir sogar Mini-Eiszapfen aus dem Chanter gewachsen.

Wie lange hat das der Chanter mitgemacht?
Der Chanter existiert noch, hat sich wohl leicht verbogen.

Wie alt warst Du damals?
Um die 23. Die Pfeife ist 1962 gekommen. Die Zeit des intensiven Suchens alleine nach dem Schottischen Dudelsack war wohl ein Jahr.

Und Du hast den kompletten College-Tutor auf dem eigentlichen Instrument durchgearbeitet?
Der Schlüssel waren die beiden Stücke, die ich schon kannte: Die „Green Hills“ und „Brown Haired Maiden“. Mit „Scots Whae Hae“ konnte ich nicht viel anfangen. Es gab damals ja noch keine Kassette. Ich mußte mir erst einmal das Notenlesen erarbeitet. Gracenotes und Crossing Noises habe ich nicht so begriffen. Meine Familie, auch der Karsten, hat alles ertragen müssen.

Der Karsten?
Ja, genau. Muß schlimm für ihn gewesen sein. Den ganzen Tag: Die „Green Hills“ und „Brown Haired Maiden“.

Wann bist Du endlich vom Dudelsack auf den Practice Chanter umgestiegen?
Das war so. Der Karsten war mit dem Fahrrad in Frankreich. Im Urlaub. Und er pfeift das Lied, das ich den ganzen Tag gespielt habe: „Green Hills“. Ein Mann erkennt es, geht hin, spricht den Karsten an. Ein Holländer, ein Mann aus Leiden! Mit ihm stand ich dann in Briefkontakt und er schickte mir einen Practice Chanter. Den hat er mir geschenkt. Damit war es dann leicht, die Sachen auf den Tisch zu legen und die Noten anzugehen. Ich habe aber immer noch sehr viel nach dem Gehör gespielt. Auch das wurde dann aber mit dem Practice Chanter leichter.

Wann haben sich – über den Mann in Leiden hinaus – die ersten Kontakte in Deutschland geknüpft?
1964 suchte der Karsten einen Verstärker. Ich hatte damals einen Citroën und hab seine Sachen immer rumgefahren. Der Karsten hat damals Skiffle-Wettbewerbe gemacht. Auf der Suche nach dem Verstärker waren wir einmal in einer Schule, und in der traf sich gerade ein Tanzkreis. Laber laber – kein Verstärker! Ich stand dort rum, und eine Frau hat mich gefragt, was ich eigentlich mache. Ich spiele Dudelsack. Kreisch! Das war nämlich ein Tanzkreis für internationale Volkstänze und die hatten auch Schotten und eine Vorführgruppe. Für mich, ungefähr eineinhalb Jahre nach meinem Start, war das eine kleine Wende, für alles Weitere impulsgebend. Damals lernte ich wirklich Schotten kennen, Amis und andere. Ein halbes Jahr danach kam der Colonel rein, einer von den Amis. Colonel Salada hat schon gespielt, der kam da plötzlich reingeschneit und baute dann eine eigene Gruppe, eine Band. Wohlgemerkt: parallel zu den Tänzern und Tänzerinnen, die Pipes lernen wollten: Schotten, Deutsche, Iren. Der Ami hat die dann gesammelt. Zwei eigene Söhne wollte er auch integrieren. Zum Training hatten wir einen kleinen Raum bei den Amis. Es gab sogar einen kompetenten Snaredrummer, ein Ire, der ganz nett war. Ich erinnere mich noch an die Proben: marching, immer um den Tisch rum. Keiner war Goldfinger, wollte die Nummer Eins sein. Der Colonel aber wollte seine Truppe trainieren. Eine nette Szene war einmal auf dem Sportfeld von den Amis. Bandaufstellung, der Colonel fragt: Hat jemand ein Breitschwert? Ich sage: Ich habe einen Reservistensäbel. Er: Mitbringen! Dann stellt der Colonel die Truppe als Band auf. Er schnallt sich den Säbel um. Aufstellung, Marsch! Und dann: Säbel gezogen, vorneweg marschiert. Das war sein Traum. So ging es aber maximal ein Jahr!

Wann ergaben sich für Dich die ersten Kontakte nach Schottland?
1965 war ich das erste Mal in Schottland. Und das war dann auch das Ende dieser Truppe hier. Der Colonel wollte einen gewissen Abstand zwischen mich und sich bringen. Er hatte sich dazu heimlich zu einer Sommerschule am College of Piping angemeldet. Jürgen Kraus, der auch in dieser Truppe war, hatte Wind von der Sache bekommen. Zusammen mit ihm bin ich dann hin, zwei Wochen. Wir haben meinen Citroën genommen, haben ein Riesen-Tonbandgerät reingeschmissen und die Pipes hinterher. Er hatte eine Pakistani, und zwar keine schlechte. Und dann sind wir hochgefahren.

Wo fand die Sommerschule statt?
„Tarradale House“, in der Nähe Muir of Ord. Ein Mini-Landbesitz direkt am Meer. Eine ganz kleine Klitsche, aber mit Hauptgebäude, Bibliothek, die aussah wie eine Kirche. Und die ganze Bude war original eingerichtet! Das Anwesen gehörte der Uni von Aberdeen. Die Kurse des College wanderten damals.Peter Bergmann - Erste Sommerschule in Schottland

Wie wurdet Ihr dort aufgenommen?
Wir kamen an, stiegen aus dem klapprigen Citroën. Großes Hallo. Wir erklären, daß wir aus Deutschland sind. Dann sagt einer: kommt hier rein, da sitzt schon einer von euch! Colonel Salada – die Augen gingen auf! Wir haben ihm nicht gesagt, dass er nicht unbedingt fair gehandelt hatte. Verdrückt sich heimlich nach Schottland um dort zu bunkern. Sonst ein netter Kerl!

Wer waren die Lehrer bei der Sommerschule?
Zunächst einmal Tommy Pearston. Seumas hat sich immer in Kanada und den USA rumgetrieben. Tommy war okay. Daneben gab es noch einen Polizisten, der mal in Hong Kong gedient hatte. Und dann: Dugald Murdoch. Insgesamt vielleicht 5 Lehrer. Keine Drums natürlich!

Wie sah es auf Seiten der Schüler aus?
Insgesamt waren es wohl um die 25 Schüler, ein Publikum im Alter von 7 bis 65 Jahren. Und es war international! Engländer, Schotten, Iren, Bretonen, eine Schwedin, eine Philippisch-Schwedin, Amis – und zwei Deutsche. Daß wir die ersten waren, das sage ich so lange, bis ich meine Vorgänger treffe.

Wie gestaltete sich denn der weitere Kontakt mit dem Colonel?
Er hat sich dort umgeschaut. Zusammen haben wir auch Contests besucht: Dingwall. Burgess hat dort gespielt, neben anderen. Und dann kam der Colonel, quatscht die an. Wollte halt mit den großen Hunden pissen gehen. Die haben ihn aber ziemlich abblitzen lassen, klar: der Wettbewerb lief ja gerade.

Was habt Ihr sonst noch außerhalb des Unterrichts unternommen?
In der Gegend sind wir rumgefahren. Einmal sind wir nach Inverness, der Colonel und ich. Du kennst die Straße ja vielleicht – sie ist nicht so toll. Und wir in meinem 12 PS Citroën, völlig entladen, nur zwei Sitze, Direktlenkung. Der Colonel muß gedacht haben, er sitzt in einem Go-Kart. Das war jedenfalls die letzte gemeinsame Autofahrt mit ihm. In Inverness sagt er dann zu mir, er hat noch zu tun, nimmt den Bus zurück. Später hat er sich dann während dem Kurs verabschiedet. Wir haben uns nie wieder gesehen. Vielleicht ist er versetzt worden.
Was war Dein persönlicher Ertrag des Kurses? Man hat mir gezeigt, was Crossing Noises sind. Es war deprimierend. Auf der einen Seite waren da diese kleinen Kerle, siebenjährige, die schon spielen konnten. Andere hatten aber genauso spastische Finger wie ich auch. Wichtig war vor allem die gute Atmosphäre, der Spaß, den man miteinander hatte. Ich erinnere mich wie die Lehrer auch einmal mit den jüngeren Schülern Fangen spielten, die Treppe rauf und dann wieder runter. Auch Tommy hat seinen Sohn dabei. Es war angenehm. „Brose und Butter“ wurde immer bei den Mahlzeiten, gespielt, wie beim Militär. Aufstehen mit „Jonny Cope“. Und abends „Light Out“. “Highland Laddie“ zur Versammlung, und abends ging’s für die Ältern ab in die Kneipe.

War das Deine einzige Sommerschule?
Im Jahr drauf, 1966, war ich wieder für eine Woche oben. Unter den Schülern war u.a. Alan Stivel dabei, überhaupt Bretonen, zwei Brüder, Jean-Francoir der eine, der hat sogar Tommy Pearston im Wettbewerb geschlagen. Diesmal war ich alleine oben. Im Kurs war auch ein Österreicher: John. Großer Kerl, Riesen-Klappe, nie wieder gesehen.

Wie ging es weiter mit Deinem Unterricht?
Anschließend habe ich nur sporadisch, wenn ich in Glasgow vorbei kam, Unterricht genommen. Wenn ich Urlaub hatte, oder auf der Durchreise war. Eine Woche war ich einmal bei Duncan Johnstone, ansonsten beim Tommy. Einmal auch Einzelunterricht bei einem Polizisten. Mit zwei anderen Polizisten hatte ich damals auch einmal eine eigene Begegnung. Mittags fahre ich mit meiner Kiste dort um die Ecke, um mir was zu futtern zu holen. Ich fahre natürlich auf der falschen Seite, zwei Polizisten sehen das. Führerschein, Personalausweis! Die waren schon sehr stinkig. Ich gebe Ihnen meine Papiere, plötzlich wandelt sich das Benehmen! Einer sagt, ich soll eben ein bißchen mehr aufpassen. Als ich die Papiere zurückkriege, sehe ich, daß mein College of Piping-Ausweis zwischen Führschein und Ausweis war.

Was hast Du sonst in Schottland gemacht?
Ich bin im Land rumgereist, habe gezeltet, Leute getroffen, Wettbewerbe angehört. Einmal war auch ein Clan-Gathering bei Fort William.


Originalbildunterschrift Peter Bergschmidt:“1993 Ben Nevis (oben seit.) Sichtweite ~10 m Saukälte Anja + Peter“

Wie ging es in Deutschland weiter?
In der Zeit zwischen 1966 bis 1974 kamen immer wieder Leute zu mir, die wollten Pipes lernen. Es war ein Kommen und Gehen. Ich habe die auch unterrichtet, kostenlos. Irgendwann mal, so 1974, sehr spät, da war ich auch schon eine gewisse Spur besser, habe ich dann gesagt: hier, bezahlt mir mal ein paar Pfennige für die Zeit.

Wie kam es zu der Gründung der Clan Pipers?
Es war immer so eine Handvoll Leute zusammen. Einer, Lothar Dolle, ruhiger Typus, hat angefangen. „Wir wollen ne Band machen.“ Und die haben dann eben den Einäugigen gefragt. Der Name, Clan Pipers, war auch nicht meine Erfindung. Den hat jemand damals vorgeschlagen. Klar, wir waren ja auch nur Pfeifer, hatten keine Drums! Das war 1974, Lothar Dolle der zweite Mann. Die Drums kamen später.

Wie ging es weiter?
1979 haben wir den ersten Wettbewerb in Den Haag mitgespielt – außer Konkurrenz: fünf Pipes, eine Snare. Im Jahr darauf schon, 1980, haben wir in Vlissingen gespielt: als Band, mit den nötigen zwei Snares, der Bass und sogar mehr als sechs Pfeifern. Die brauchten dort dringend noch einen für den letzten Platz. Und da haben wir gedacht: den nehmen wir! Letzte Plätze sind sehr gefragt!

Wann ergaben sich Eure Kontakte zur RSPBA?
Das muß in den Jahren vorher gewesen sein. Jemand hat uns das so erklärt: das ist für die Band! Die machen auch Kurse, und ich habe das auch so weitergegeben. Wer Geld und Zeit hatte, die Kurse zu besuchen, für den war das was. Deswegen haben wir uns auch schließlich die Leute hier hergeholt. Wir waren damit nicht nur die erste Band, wir hatten auch die ersten bandeigenen Kurse.

Wann war der erste Kurs und wer hat dabei unterrichtet?
Der erste Kurs war im April 1983. Dabei waren Jack Crichton, Bob MacCroskie, David Bruce, ein Drummer. Wir waren vier Tage, ein verlängertes Wochenende, in der Turnhalle am Park, beim Schloß Karben. Die ganze Band war im Gasthaus. Wir wurden schon ganz schön getrimmt, als Band, und spielten dann schon! Irgendwo habe ich noch eine Kassette von dem Kurs. Ich habe auch eine komplette Liste über unsere späteren Kurse und der Mitglieder der Band.

Respekt – Du hast nicht nur organisiert, Du hast es auch dokumentiert. Was hatte es eigentlich mit der „Continental Pipe Band Information“ auf sich?
Es waren nur Rundbriefe, die ich einem Augenzwinkern „Continental Pipe Band Information“ nannte. Leider habe ich davon nichts aufgehoben. Die älteren Bandmitglieder der Owl Town Pipe Band in Peine neulich wußten das noch. Einer hat gesagt, er hat’s noch rumliegen.

In welchem Zeitraum hast Du diese Rundbriefe verschickt?
Das muß so 1980 gewesen sein, wegen der ersten Wettbewerbe. Ich habe ihn vielleicht so zwanzigmal verschickt, so um den Dreh. Geschrieben habe ich den Rundbrief wohl bis ans Ende der 80er Jahr. Damals gab es auch eine Fortsetzungsgeschichte, und die nannte ich „Highland Mist“. Ich hab damals nen Roman angefangen! Ansonsten waren es Blätter mit Infos von Wettbewerben, ev. Tanzdinge, ein kleiner Flohmarkt, teilweise handgeschrieben, Skizzen. Das funktionierte auch in dem kleinen Rahmen. Es gab Hamburg, große Treffen, Hannover. Beim Schützenfest, Treffs, bei denen die Bands oder deren Vertreter zusammenkamen. Geschickt habe ich den Rundbrief auch nach München, an den Mike Dahlmanns. Der erinnert sich bestimmt auch noch daran. Gestern war er bei dem Konzert und hat mir eine Buddel Whiskey für die Band gegeben. 30 Jahre alten Whiskey hat er mir gegeben, den muß ich natürlich erst prüfen!

Der Rundbrief war eine reine Privatinitiative? Hast Du das alles auf eigene Kosten verschickt?
Ja ja, das lief nicht über die Bandkasse. Die Vereinsmeier kamen später.

Wann habt Ihr Euch als Verein formiert?
Die Vereinsbildung! Damals nicht nötig. Heute ja. Heute ist das eine Riesentruppe, da muß der Verein haften, nicht die Einzelperson.

Was war Deine Motivation damals zu dem Rundbrief?
Der Grund war einfach: es gab verschiedene Gruppen, die mußte man verknüpfen. Man traf sich, auch bei den Highland Games in Neu Isenburg. Aber mußte wissen, wann und wo.

Wann und wo gab es erste Berührungen mit der sich formierenden Szene um Peter Brinckmann?
Das war alles damals in zeitlicher Nähe, unsere Kurse und die von Peter. Seine Anfänge habe ich damals ja auch miterlebt. Zuerst bin ich ihm begegnet in Eveshausen, nach den ersten Jahren des „Pipers’ Meeting“ auf der Burg Waldeck. Das war übrigens auch eine schöne Zeit! Mit den schottischen Dudelsäcken sind wir da aber schon bald rausgeflogen. Die waren dort einfach zu penetrant laut. Aber zurück zu Peter: Er war damals noch schwer am Anfang, hatte aber schon bald eine völlig andere Richtung! Ich hatte ja die Band am Hals, und er konnte sich um die Soloszene kümmern. Einmal sagte er zu mir, die zu hüten, das ist wie ein Sack mit lauter Flöhen. Ich habe aber damals schon unsere Leute nach Rüsselsheim geschickt, und dann auf die Breuberg. Ich hatte das Spiel schnell begriffen: wenn Du eine vernünftige Band willst, dann muß die Ausbildung funktionieren.

Wie war – die Frage muß sein – insgesamt Dein Verhältnis zu Peter Brinckmann?
Das Verhältnis zu Peter, da gibt es einen Artikel von Jan dazu. Der Peter war bekannt als ein ruppiger Hund. Ähnlich veranlagt, kamen wir vielleicht gerade deswegen auch gut miteinander aus. Er hat mir grob die Meinung gesagt, ich hab ihm meine Meinung gesagt – und dann bin ich mit ihm zusammen zum Bier gegangen! Durchaus war man dann bereit, zu anderen Dingen überzugehen! Auch wenn er erst immer einmal Kleinholz geschlagen hat: ich wußte, er macht Musik und er baut das auf. Und er wußte, ich mache das auch schon lange. Er hatte natürlich ganz andere Ideen. Er war ja ein ausgebildeter Klavierspieler, war mir musikalisch weit voraus. Mit Band hat er nicht viel am Hut gehabt. Ich hatte den ganzen Bürokratismus, die Klamotten, dieses ganze Zeug, um das ich mich kümmern mußte.

Einen Großteil der Dinge hast Du ja sogar selbst hergestellt! Die Sporran, Gürtel und Crossbelts sind zumindest mir bekannt.
Handwerkliches wollte ich schon immer machen. Schon als Kind wollte ich immer mit nem Messerchen rumschnippeln. Krieg bedeutet auch improvisieren. Jemand hat mir gezeigt, wie man Leder näht. Aus der Notwendigkeit wurde das Band-Material, Sporran, Pipe Bags.

Um bei der handwerklichen Seite des Dudelsacks zu bleiben: was hältst Du von den modernen Entwicklungen wie den synthetischen Drone Reeds und Säcken aus Kunststoff?
Ich halte gar nichts davon. Ich halte von ‚Arundo donax’ sehr viel. Das eine ist: man macht Musik. Das andere ist die Bastler-Richtung. Und beides muß man lernen. Du mußt die Leute ausbilden, mit dem Instrument zu spielen – in beide Richtungen. Die handwerkliche Seite will man sich heute ersparen. Das will nicht nur der Pipe Major, der will das seine Band läuft. Das wollen auch die Spieler!

Wie siehst Du den heutigen Status der Clan Pipers in Deutschland?
Was ich gehört habe, in Peine und Schotten, werden die Unterschied geringer. Der Unterschied liegt häufig nur in einer einzigen Person! Wir sind noch immer die größte Band, und mit der A-Band, denke ich, auch die beste. Lars macht seine Arbeit in der B-Band auch sehr gut. Es ist ein gutes Verhältnis.

Ein familiäres Verhältnis pflegst Du mit Deinem Neffen, Jan T. Maschinsky, heute auch zur BAG. Wie kam es eigentlich, daß er – wie Du – das Dudelsackspielen erlernte? Wie groß war Dein Einfluß darauf?
Es ist doch ganz normal. Ich hab gedacht: der könnte eigentlich anfangen. Aber ich wußte auch, der rafft alles. Er: „Ach nö, keine Lust.“ Und da habe ich es schnell sein gelassen, in der Richtung weiterzustochern. Und dann ging es darum, in Neu Isenburg einen Infostand zu machen. Da hieß es dann nur: Klamotten anziehen, Info und Verkauf. Wir haben damals auch irgendwelchen Plunder verkauft. Irgendwie fand er es ganz toll da.

Jan, den wir natürlich getrennt von Dir dazu befragt haben, sagte noch etwas von einem Practice Chanter, der mit im Spiel war, und einigen Griffen, die Du ihm gezeigt hast.
Ich habe eigentlich nur das Brot auf den Tisch gelegt und das Messer dazu. Und gesagt, wenn du Hunger hast, kannst du essen. Du mußt aber nicht glauben – glaub bloß nicht! – , daß er das nicht alles durchgeblickt hat, der Hund. Das weiß der heute noch! Ich hab ihm den Practice Chanter in die Hand gegeben und gesagt: „da gibt es Leute, die fragen uns Löcher in den Bauch.“ Das hab ich gesagt. Und dann hab ich gesagt: „das kannst du eigentlich alles machen.“ ‚Man erkennt die Absicht’ – Goethe oder so. Der wußte von Anfang an, was gespielt wird. Der wußte das schon, was da los ist.

Peter, ich bewundere Deine direkte Sprache! Du verlierst keine Zeit und bringst alles auf den Punkt. Woher kommt das?
Vom Bau. Auf dem Bau mußt Du direkt sein.

Wie ging es bei Dir beruflich weiter?
Ob das die Leute interessiert?

Mit Sicherheit!
Später habe ich Bauingenieur gelernt, in Frankfurt, und da auch gearbeitet.

Wie hast Du den gestrigen Abend erlebt – 30 Jahre Clan Pipers?
Es war ein großer Tag, nicht nur für die Band, sondern auch für die Gegend und die Szene hier im Land. Es fördert vielleicht die Dinge! Es entstehen mehr Kontakte. Für hier ist es besonders eine Förderung der Musik. Der Wunsch bei einigen in der Band, besser zu werden, wird geweckt. Auch bei den umliegenden Bands wird das Interesse geweckt, und das nicht nur an der Musik. Das ganze Drum und Dran! Im Konzert geht es ja um Musik als Darstellung. Bei den Clan Pipers waren wir damit ganz schön gefordert und haben selbst nicht alles mitbekommen. So ging es aber allen. Am meisten gefordert war ja die A-Band, in der Benedikt eine gute Arbeit macht. Mark, Benedikt – es sind viele, die da arbeiten, auch in der B-Band.

Wie würdest Du Deine eigene Motivation zu Deinem jahrelangen Engagement umschreiben?
Die Welt geht weiter. Du kannst die Nummer Eins sein oder letzter – Du mußt was davon haben. Nur was? Spaß? Ja, Spaß woll’n sie alle haben. Das heißt in der Band: ich will nicht die Bohne lernen. Die Kandidaten mußt Du aussortierten! Der Spaß kommt mit der Musik. Die Arbeit ist im Leben das eine. Die Musik öffnet die Welt. Mit ihr ergeben sich die Kontakte. Die Musik dient dem Menschen. Sie hilft ihm, sich wohlzufühlen.

Was sind Deine persönlichen Hoffnungen als Einzelspieler und in der Band?
Daß ich mit meinen Gichtfingern noch ein wenig spielen kann. [Ich lache über die gelungene Formulierung.] Ich hab echt welche! Ich möchte aber schon ganz gerne noch so lange wie möglich in der Band mitspielen. Nach wie vor interessieren mich die handwerklichen Dinge, Rohrblattbau, die Geschichte des Dudelsacks, alte Instrumente. Ich will jedenfalls in Zukunft nicht nur noch den Bierverkauf regeln!

Ein persönliche Einschätzung zum Schluß: wie lange, was meinst Du, wird das „Never Ending Interview“ überleben?
Wie es schon so heißt: es hört nie auf. Wenn die zeitlichen Abstände passen, und es den Leuten nicht zuviel wird, dann sollte es auch weitergehen. Ich denke, es fördert u. a. so was, wie den familiären Charakter, den die Szene hierzulande hat. Hier bleibt man im Gespräch!

Peter, für dieses Gespräch bedanke mich sehr herzlich!
Willste noch nen Tee?


Peter Bergschmidt

Peter Bergschmidt mit seiner Robertson Pipe. Das Bild wurde im Januar 2004 in der Sachsenhausener Wohnung aufgenommen, die Peter ein Jahr nach der Gründung der Clan Pipers bezogen hatte. Die rechte Bildhälfte zeigt eine Tür, die von Peters Mutter bemalt wurde. Sie läßt erkennen, in welchem Maße die Verbindung handwerklicher und künstlerischer Talente Teil der Familie ist.

(veröffentlicht in der BAG Info Dezember 2004)

The Never Ending Interview – Einführung

The Never Ending Interview” beruht auf einem einzigen Gedanken. Kein Interview wird mit der durchaus reizvollen Frage beschlossen: „Wenn Sie an meiner Stelle wären – mit wem würden Sie gerne ein Interview führen? Und wie würden Sie das Gespräch gestalten?“ Das BAG-Info gibt Antwort, Ausgabe für Ausgabe.
Die Wahl des Interviewpartners ist frei. Die einzige Auflage besteht darin, daß sich der Gesprächspartner dazu bereit erklärt, für die nächste Ausgabe des BAG-Infos ein eigenes Interview zu führen, dessen Text für die Druckfassung auf Deutsch einzureichen ist. Anlage, Länge und Präsentation des Interview sind frei.
Das BAG-Info gewinnt eine feste Rubrik, der Leser die Aussicht auf das Interview – und die deutsche Szene an gegenseitiger Kenntnis und Wertschätzung.

Jena, den 8. Januar 2004 Martin Keßler